| Saturday, 11.February.2012, 07:58 |
Alpbach (OTS) – Psychische Erkrankungen nehmen dramatisch zu, bereits jeder Vierte läuft Gefahr, im Laufe seines Lebens an einer Depression oder einer Angststörung zu erkranken. Das Europäische Forum Alpbach trug diesem wichtigen Thema Rechnung und stellte im Rahmen der Gesundheitsgespräche zur Diskussion, wie psychiatrischen Erkrankungen und deren Folgen für die Betroffenen nachzukommen sei. Ein wichtiger Aspekt ist, dass in der medizinischen Praxis die eigentliche Grunderkrankung oft nicht als solche erkannt und therapiert wird – es fehlt nach wie vor an einer ganzheitlichen Sichtweise. Ganz im Leben – die österreichische Plattform für seelische und körperliche Gesundheit hat sich zum Ziel gesetzt, dieser Problematik entgegen zu wirken.
Im österreichischen Gesundheitssystem mangelt es nach wie vor an einer ganzheitlichen Sichtweise und Behandlung von psychischen und körperlichen Erkrankungen. Dieses Fazit ist anlässlich der Gesundheitsgespräche des Europäischen Forum Alpbach festzuhalten.
Bereits jeder Vierte ist einmal in seinem Leben von einer psychischen Erkrankung wie Depression, Angststörung oder Schizophrenie betroffen. Gleichzeitig haben Menschen mit psychischen Erkrankungen ein erhöhtes Risiko für metabolische Abnormitäten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Adipositas, einer damit verbundenen verkürzten Lebenserwartung sowie Herz-Kreislauferkrankungen zu entwickeln. Entgegen der herkömmlichen Meinung ist die häufigste Todesursache von psychisch Erkrankten aber nicht Suizid, sondern meist eine Herz-Kreislauferkrankung. Betroffene mit einer psychischen Erkrankung haben ein zwei- bis dreimal höheres Risiko an Diabetes zu erkranken beziehungsweise sind sie auch einem zwei- bis dreimal höheren kardiovaskulären Risiko ausgesetzt. Jeder Vierzehnte Österreicher leidet an Diabetes und jeder Vierte an einer psychischen Erkrankung. In der täglichen Praxis werden diese Tatsachen aber selten in Zusammenhang gebracht und den Ursachen der einzelnen Krankheitsbilder oder Symptome kaum auf den Grund gegangen.
Verbesserte interdisziplinäre ärztliche Zusammenarbeit nötig
“In den heimischen Praxen herrscht noch immer eine sehr starke Einzelsicht und eine viel zu isolierte Betrachtung dieser Thematik. Initiativen wie ‘Ganz im Leben’ erachte ich daher als äußerst unterstützenswert. Als Fachärztin für Psychiatrie ist es mir also ein großes Anliegen, dieses Projekt weiter voran zu treiben”, erläuterte Univ.-Prof. DDr. Gabriele Sachs von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie bei den Gesundheitsgesprächen in Alpbach. Ein großes Problem sei, dass psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft leider mit einer Stigmatisierung einhergehen und dementsprechend tabuisiert werden. Alle Bemühungen, die zu einer Entstigmatisierung beitragen, seien daher wünschenswert. Dieses Tabu könne nur gebrochen werden, wenn es gelinge sowohl die Angst vor den unmittelbar Betroffenen auszuräumen als auch die Akteure im Gesundheitssystem dahingehend zu sensibilisieren, dass psychische Erkrankungen gleichwertig mit organmedizinischen Erkrankungen zu betrachten sind.
Das Erkennen und die Behandlung von somatischen Erkrankungen bei Patienten mit einer psychischen Erkrankung sind besonders wichtig. Eine ganzheitliche Betrachtung von mentaler und physischer Gesundheit ist daher vonnöten. “Im ärztlichen Alltag ist der Zeitdruck oft enorm und eine intensivere Betreuung der Patienten kaum möglich. Gerade für psychisch Erkrankte sind vertrauensvolle Gespräche mit ihrem behandelnden Arzt für einen erfolgreichen Heilungsverlauf wichtig. Eine der großen Herausforderungen der Gesundheitspolitik wird es daher sein, wie dem Zusammenhang von körperlichen und seelischen Erkrankungen im Praxisalltag mehr Aufmerksamkeit beigemessen werden kann”, stellte Univ.-Prof. Dr. Johannes Wancata, Professor an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien und Vizepräsident der Österreichischen Schizophreniegesellschaft fest.
Die Rolle des Allgemeinmediziners
Die Allgemeinmediziner sind für die Patienten die erste Anlaufstelle bei Anzeichen von Krankheiten, körperlichen Beschwerden und Vorsorge. Aus diesem Grund haben die Allgemeinmediziner sowohl bei psychischen als auch bei körperlichen Erkrankungen wie Hypertonie oder Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen eine große Verantwortung gegenüber den Patienten. Betroffene einer psychischen Erkrankung sind auch einem größeren Risiko ausgesetzt, körperlich zu erkranken. Diesem Umstand muss auch in der allgemeinmedizinischen Praxis verstärkt Rechnung getragen werden. Allgemeinmediziner sind daher dazu angehalten, Risikogruppen für die Entwicklung psychischer Begleiterkrankungen zu “screenen”. Zu diesen zählen beispielsweise Patienten mit Diabetes, Post-Infarkt-Patienten, adipöse Patienten oder Krebspatienten. Bei diesen Patientengruppen sind seelische Erkrankungen als Begleiterscheinung ihrer somatischen Beschwerden sehr häufig.
Psychische Erkrankungen: weit reichende gesundheitsökonomische Folgen
Neben dem menschlichen Leid, das psychiatrische Erkrankungen bei den Betroffenen auslösen, stellen diese Indikationen aus sozialmedizinischer und ökonomischer Sicht einen sehr wichtigen Themenbereich dar. Psychiatrische Erkrankungen sind inzwischen zu einem Drittel die Ursache für Frühpensionierungen. “Erkrankungen des Bewegungsapparates sind zwar nach wie vor die Ursache Nummer eins für Früh- und Invaliditätspensionierungen, psychiatrische Erkrankungen liegen aber mit fast 30 Prozent schon beinahe gleich auf”, zeigt Univ.-Prof. Dr. Bernhard Schwarz, Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien und Sprecher der Initiative “Ganz im Leben”, auf. Immer mehr junge Menschen, die mitten im Berufsleben stehen, sind von psychischen Erkrankungen und damit einhergehend von Krankenstand und Arbeitsunfähigkeit betroffen, die volkswirtschaftlichen Folgen sind daher evident. “Wir verzeichnen im Jahr 2010 so viele Produktivitätsausfälle durch Langzeitkrankenstände und Frühpensionierungen wie noch nie zuvor. Das beeinträchtigt wiederum die Beitragszahlungen bei den Sozialversicherungsträgern. Die Auswirkungen von psychischen Erkrankungen auf die Gesundheitsökonomie sind also nicht von der Hand zu weisen”, so Schwarz abschließend.
Über “Ganz im Leben – Österreichische Plattform für seelische und körperliche Gesundheit”:
Im Jahr 2008 wurde die Initiative “Mental & Physical Health” auf europäischer Ebene gegründet. Hauptziel der Initiative ist es, Wege zu mehr Bewusstsein für den Zusammenhang von psychischer Krankheit und körperlicher Gesundheit einzuschlagen und eine ganzheitliche Betrachtung des Themas zu erwirken. Dadurch soll auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Psychiatern, Internisten und Allgemeinmedizinern gefördert werden. In Österreich trägt die Initiative den Titel “Ganz im Leben. Österreichische Plattform für seelische und körperliche Gesundheit”. Die Initiative soll daher dazu beitragen, das österreichische Gesundheitssystem stärker an den Bedürfnissen einer ganzheitlichen Betrachtung von mentaler und
physischer Gesundheit auszurichten und die Interdisziplinarität zu fördern. Die Forcierung der öffentlichen Diskussion des Themas sowie die Information der Ärzte, Apotheker und natürlich der Bevölkerung unter dem Motto “Gemeinsam Bewusstsein schaffen” sind wichtige Maßnahmen der Initiative. Zusätzliche Informationen stehen auf www.ganzimleben.at zur Verfügung.
Quelle: OTS
[email_link]
You must be logged in to post a comment.
Bad Behavior has blocked 461 access attempts in the last 7 days.